Der Tag, der keine Seele entlässt

Von: Gökhan Yesil

Oh Mensch! Seit den ersten Tagen deines Daseins begleitet dich eine Frage, der du nicht entkommen kannst. Sie geht mit dir durch die Stunden des Tages und durch die Dunkelheit der Nacht. Sie steht vor dir, wenn alles um dich herum verstummt: Was bleibt von dir, wenn dein Atem versiegt, deine Hand erstarrt und die Welt ihr Antlitz von dir abwendet?

Der Glaube an das Leben nach dem Tod – Iman bil-Akhira – ist kein Blatt am Rand des Glaubens. Er ist sein Herz, sein Pulsschlag, das Fundament, auf dem alles andere ruht. Denn wer den allwissenden, gerechten Schöpfer erkennt, der erkennt zugleich: Keine Tat bleibt ohne Echo. Kein Wort fällt in einem leeren Raum. Kein Herzschlag ist ohne Zeugen. So durchzieht diese Botschaft wie ein unauslöschliches Siegel alle heiligen Bücher, alle Warner, alle Propheten und Gesandten, die je über die Erde gingen. Nach islamischer Lehre erschienen mehr als 124.000 von ihnen. Rufer in Zeit und Raum, die vor dem Tag warnten und ihn zugleich verhießen. Doch das Jenseits ist keine zweite Erde, kein verlängerter Schatten dieses Lebens. Es ist der geistige Reifeprozess der Seele und dieser beginnt bereits jetzt, in diesem Atemzug, im Diesseits.

Die Saat und die Ernte

Nach der Lehre des Verheißenen Messias, Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (AS), ist das gegenwärtige Leben gleichsam die Saat, deren Frucht im Jenseits geerntet wird. Was du heute säst, wirst du dort ernten. Kein Korn geht verloren, keines wird vertauscht. Die geistige Verfassung, die der Mensch durch seine Taten, sein Gebet und seine Gottesnähe in diesem Leben erlangt, formt unmittelbar die Beschaffenheit seines künftigen Daseins. Himmel und Hölle, wie sie im Heiligen Quran beschrieben werden, sind demnach reale, aber geistige Zustände, die in irdischer Bildsprache umschrieben werden, da menschliche Worte die Wirklichkeit des Jenseits nur andeutungsweise fassen können.

Und fürchte nicht, dass die Hölle ein ewiger Kerker sei. Anders als ein rein wörtliches Verständnis nahelegt, lehrt der Islam: Die Hölle ist kein Ort ewiger Verdammnis, sondern ein läuternder, reformatorischer Zustand, ein Schmelztiegel der Seele, aus dem sie durch Gottes Barmherzigkeit letztlich wieder emporsteigen kann.

„Und an dem Tage, da Er sie versammelt allzumal, dann: O Zunft der Dschinn, ihr habt eine große Anzahl von Menschen auf eure Seite gezogen. Und ihre Freunde unter den Menschen werden sagen: Unser Herr einige von uns haben von anderen Vorteil genossen, nun aber stehen wir am Ende unserer Frist, die Du uns bestimmtest. Er wird sprechen: Das Feuer sei euer Aufenthalt, darin sollt ihr bleiben, es sei denn, dass Allah anders will. Wahrlich, dein Herr ist allweise, allwissend.“ (Der Heilige Quran 6:129)

Die Worte „Das Feuer sei euer Aufenthalt“ richten sich an die einfachen Leute, die beteuerten, nur Werkzeuge in den Händen der Mächtigen zu sein. Ihnen wird gesagt, dass ihnen kein Flehen mehr nützt und dass sie ins Feuer gehen und dort bleiben müssen, bis Gott sie erlöst. Sowohl die Reichen als auch die Armen sind gleichermaßen schuldig – vor diesem Thron gibt es keine Rangordnung, keinen Titel, keine Ausrede.

Der Tod – keine Mauer, sondern eine Geburt

Der Tod markiert somit keinen Bruch, sondern eine Art geistige Geburt – den Übergang von einer Daseinsform in eine höhere, in der die im Diesseits begonnene Annäherung an Allah ihre eigentliche Vollendung findet. Was dem ungeborenen Kind der Mutterleib ist, das ist dem Menschen dieses irdische Leben: eine Vorbereitung, kein Ziel.

Kaum ein Thema hat die Menschheit seit jeher so sehr beschäftigt wie die Frage, was nach dem Tod mit uns geschieht. Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud Ahmad (RA), der zweite Khalif des Verheißenen Messias (AS), weist daraufhin, dass diese Frage, neben der Frage nach der Existenz Gottes, die am häufigsten diskutierte Frage der Menschheitsgeschichte ist, und dass eine Religion, die hierauf keine Antwort zu geben vermag, einem Körper ohne Seele gleicht. Der Islam beantwortet diese Frage nicht durch bloße Vermutung, sondern durch göttliche Offenbarung. Der Heilige Quran macht deutlich, dass das gegenwärtige Leben eine Prüfung ist, deren Folgen sich erst im Jenseits vollständig entfalten, und dass jeder Mensch für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen wird.

Die drei Schleier fallen

Der Verheißen Messias (AS) erklärte, dass das Leben nach dem Tod keine völlig neue, unabhängige Existenz darstellt, sondern eine Fortsetzung der geistigen Entwicklung des Menschen ist. Die Taten, Gewohnheiten und die Beziehung zu Allah, die wir in diesem Leben aufbauen, prägen unseren Zustand im Jenseits. In seinem Werk „Die Philosophie der Lehren des Islam“ entfaltet er drei Erkenntnisse, die der Quran über das Jenseits vermittelt:

Der erste Schleier fällt: Das Leben nach dem Tod ist ein Abbild dieses Lebens; die geistigen Zustände, die der Mensch hier verborgen in sich trägt, werden dort offenkundig.

Der zweite Schleier fällt: Die geistigen Wirklichkeiten dieses Lebens nehmen im Jenseits konkrete Formen an; wer in dieser Welt geistig blind war, bleibt es auch im Jenseits (Der Heilige Quran 17:73)

Der dritte Schleier fällt: Die Seele durchläuft nach dem Tod verschiedene Stufen, zunächst einen Zwischenzustand, den der Verheißene Messias (AS) Barsakh nennt und schließlich die endgültige Auferstehung, an der jede Seele einen ihren Taten entsprechenden, sichtbaren Zustand erhält.

Hadhrat Mitrza Bashiruddin Mahmud Ahmad (RA) erläutert diese Lehre weiter und vergleicht die Entwicklung der Seele nach dem Tod mit der Entwicklung eines Kindes im Mutterleib: So wie ein Kind sich zunächst in der Gebärmutter, dann als Neugeborenes und schließlich als reifer Mensch entfaltet, durchläuft auch die Seele nach dem Tod entsprechende Stufen, bis sie am Tag des Jüngsten Gerichts ihre vollständige Entwicklung erreicht. Der Heilige Prophet (SAW) fasste diesen Gedanken in einem einzigen, unvergesslichen Satz zusammen: Das Grab kann entweder ein Garten des Paradieses oder ein Abgrund der Hölle sein (Tirmidhi, Kitab Siffatul Kiyamat). Wo nicht das irdische Grab gemeint ist, sondern der Zustand, den die Seele unmittelbar nach dem Tod erfährt.

Auch Hadhrat Mirza Tahir Ahmad (RH), der Vierte Khalif des Verheißenen Messias (AS), hat diese Lehre mit eindringlicher Schärfe veranschaulicht: Der Mensch schafft durch seine Gedanken, Absichten und Taten gewissermaßen selbst das Wesen, mit dem er nach dem Tod konfrontiert wird, oft, ohne sich dessen in diesem Leben überhaupt bewusst zu sein. Erst nach dem Tod erkennt die Seele mit unausweichlicher Klarheit, was sie sich durch ihr eigenes Handeln geschaffen hat. Himmel und Hölle, so seine Worte, entstehen aus den eigenen Taten des Menschen selbst.

Der Tag, an dem jede Maske fällt

Es kommt der Tag, an dem keine Seele entrinnt. Kein Reichtum kauft sich frei, keine Beziehung schützt mehr, kein Schweigen verbirgt. Der Heilige Quran beschreibt den Tag des Jüngsten Gerichts als den Zeitpunkt, an dem jeder Mensch, ganz allein, vor Allah Rechenschaft über sein Handeln ablegen wird. Gute und schlechte Taten bleiben nicht verborgen, sondern werden mit vollkommener Gerechtigkeit gewogen. Bereits in diesem Leben, so lehrt der Heilige Quran, hinterlässt jede Tat einen unauslöschlichen Abdruck im Herzen des Menschen. Allah erklärt, dass Er jedem Menschen die Folgen seiner Werke gleichsam an den Nacken geheftet hat und dass diese am Tage der Auferstehung in einem aufgeschlagenen Buch offenbart werden (Der Heilige Quran 17:14).

Auch das Kleinste bleibt vor Allah nicht verborgen. Der Heilige Quran versichert, dass nicht einmal das Gewicht eines Stäubchens auf Erden oder im Himmel vor Allah verborgen ist. (Der Heilige Quran 10:62). Über den Tag selbst heißt es, dass an jenem Tag keine Seele einer anderen Seele etwas nützen kann und die Entscheidung allein bei Allah liegt (Der Heilige Quran 82:18 – 20). Andere Verse schildern die Wucht dieses Tages mit dem Bild eines gewaltigen Erdbebens, das die Menschen in Furcht versetzt, sodass selbst eine stillende Mutter in diesem Augenblick ihr Kind vergäße (Der Heilige Quran 22:2-3). Ein Sinnbild von erschütternder Eindringlichkeit dafür, wie ernst die Rechenschaftspflicht des Menschen zu nehmen ist.

Doch höre auch dies: Der Quran nennt konkrete Eigenschaften jener, die sich auf diesen Tag vorbereiten. Sie verrichten beständig ihr Gebet, geben von ihrem Besitz für die Bedürftigen, halten ihre Verträge und Zusagen ein und sind aufrichtig in ihrem Zeugnis (Der Heilige Quran 70:23-35). Wer hingegen den Tag des Gerichts leugnet und im Umgang mit anderen betrügt oder unehrlich misst, wird ausdrücklich gewarnt; der Quran beschreibt sogar ein Verzeichnis, in dem die Taten der Frevler minutiös festgenagelt werden (Der Heilige Quran 83:1-14).

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Und verzweifele nicht! Die Lehre vom Jüngsten Gericht soll den Gläubigen nicht nur an die Verantwortung erinnern, sondern auch Hoffnung schenken. Allah ist nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig, und Er vergibt denen, die aufrichtig bereuen und sich bemühen, ein rechtschaffenes Leben zu führen. So erklärt der Heilige Quran, dass Allah selbst über die Regungen des menschlichen Herzens Rechenschaft fordert, zugleich aber ankündigt, wem Er will zu vergeben (Der Heilige Quran 2:285). An anderer Stelle wird betont, dass Allah den Menschen nicht für unbedachte Worte zur Rechenschaft zieht, sondern für das, was das Herz bewusst beabsichtigt (Der Heilige Quran 2:226).

Diese Verbindung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zeigt: Der Islam stellt das Jüngste Gericht nicht als reines Angst-Szenario dar, sondern als Ausdruck der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes, die zugleich, bis zum letzten Atemzug, Raum für Reue, Umkehr und Vergebung lässt. Wer sein Herz reinigt und aufrichtig zu Allah zurückkehrt, darf auf Seine Gnade hoffen, selbst wenn er zuvor gefehlt hat.

Der Ruf ins Diesseits

Doch der Glaube bleibt nicht im Himmel hängen. Er greift nach deiner Hand, hier und jetzt, in diesem Augenblick. Der Glaube an das Jenseits ist kein bloß theoretisches Wissen, sondern hat unmittelbare Auswirkung auf das Handeln im Diesseits. Der Islam macht deutlich, dass Verantwortung nicht erst am Jüngsten Tag beginnt, sondern schon jetzt, im täglichen Umgang mit anderen Menschen. Der Heilige Prophet Muhammad (SAW) warnte davor, einem Arbeiter seinem vollen Lohn vorzuenthalten, und erklärte, dass er selbst einen solchen Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts persönlich anklagen werde (Ibn Majah, Kitab ar-Rahun). Auch Hadhrat Umar (RA), der zweite Khalif des Islam, zeigte dieses Bewusstsein, als er persönlich Lebensmittel zu einer notleidenden Familie trug. Als ein Diener ihm die Last abnehmen wollte, erwiderte er, dass dieser wohl seine Last jetzt tragen könne, doch nicht seine Last am Tag des Jüngsten Gerichts (Kanzul Ummal, Bd. 16, Hadithnummer 35976).

Diese Beispiele zeigen: Die Verantwortung, von der im Islam die Rede ist, beschränkt sich nicht auf offenkundige Taten. Der Heilige Quran lehrt, dass Allah den Menschen auch für das zur Rechenschafft zieht, was er in seinem Inneren verbirgt, wie üble Nachrede, Argwohn oder Stolz gegenüber anderen (Der Heilige Quran 6:152, 49:12). Wer hingegen Gutes im Herzen trägt, wird dennoch als guter Mensch betrachtet, denn im Islam zählt neben der Tat auch die Aufrichtigkeit der Absicht.

Dieses Bewusstsein für Verantwortung erstreckt sich auf alle Lebensbereiche: den Umgang mit der eigenen Familie, mit Nachbarn und Kollegen, mit Bedürftigen sowie mit den anvertrauten Aufgaben im Beruf. Wer weiß, dass jede Handlung Spuren im eigenen Herzen hinterlässt und dereinst vor Allah offenbar wird, dem wächst daraus die Kraft, ehrlich, gerecht und fürsorglich zu handeln, auch dann, wenn niemand sonst zusieht.

Schlussruf

So wisse, Mensch: Der Glaube an das Leben nach dem Tod verleiht deinem Handeln Sinn und Gewicht. Er lähmt dich nicht, er beflügelt dich. Wer sich bewusst macht, dass jede Tat Folgen hat und dass Allah über alles Bescheid weiß, wird zu einem Leben in Gottesfurcht, Barmherzigkeit und Rechtschaffenheit angehalten. Das Jüngste Gericht ist daher keine ferne Zukunftsvision, die man beiseiteschieben kann. Es ist eine tägliche, leise Stimme im eignen Herzen, ein Ruf, heute, in diesem Augenblick, und in jedem, der noch folgt, bewusst und verantwortungsvoll zu leben.

Quellenangaben

Der Heilige Quran 2:226, 2:285, 6:129, 6:152, 10:62, 17:14, 17:73, 22:2-3, 49:12, 70:23-35, 82:18-20, 83:1-14 (Übersetzung: Hadhrat Mirza Tahir Ahmad (RH), Islam International Publications)

Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (AS), Die Philosophie der Lehren des Islam, Kapitel „Der Zustand des Menschen nach dem Tod“

Hadhrat Mirza Bashiruddin Mahmud Ahmad (RA), Ahmadiyyat – Der wahre Islam, Kapitel „Aufklärung über das Leben nach dem Tod“ und „Aufklärung über die Grundlagen des sozialen Miteinanders“

Hadhrat Mirza Tahir Ahmad (RH), Life after Death, Review of Religions, Juli 1996, veröffentlicht auf alislam.org

Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (AS), Malfoozat Bd. 7, S. 108